Aufhören

Wir beginnen gemütlich. Bei der Fensterbaufirma, denn sie ist maßgeblich daran beteiligt, dass Fenster während des Kochens und der Radiomeldung nach dem Giftunfall in dem anliegenden Industriegebiet geschlossen werden können. Damit das, was drinnen geschieht nicht unterbrochen wird, auch wenn sich da jemand gerade erbricht, azetonämisch erbricht. Das eine hat mit dem anderen nichts gemein, es sind unabhängige Geschehnisse.

Der Aufwand des Kochens, das Erwärmen, das vorherige Einkaufen, auspacken, schneiden, schnippeln von Gemüsen und abtupfen von Fleischstücken, brutzeln und dünsten – das ganze Essen wäre augenblicklich ungenießbar, würde man jetzt die Fenster aufmachen, es käme das ganze Gift herein. – Wer bleibt dabei denn sitzen?

Wie in der Schule, die dann auch Zuhause-Schule ist, in einem schwierigen Pandemie-Jahr. Wer steht in dem Moment, als bemerkt wird, dass die Fenster – zum Beispiel- gar nicht mehr zugehen – den Kopf voll mit binomischen Formeln, x-Gleichungen, Textmarkerstellen in orange, blau und leuchtgelb und der verdoppelten Angst vor bevorstehenden Prüfungen und den ausgeschmückten detaillierten nüchternen Informationen eines zur erleidenden Erstickungstods durch ein unbekanntes Virus, das Fledermäuse auf Menschen übertragen haben?

Und jetzt. Es haut jemand den Tisch klein, mit einer Axt. Plötzlich alles kurz und klein vor Wut auf so viel Unkenntnis und das, obwohl all das im 21. Jahrhundert spielt: Diese Geschichte, die keinen richtigen Anfang hat, weil sie ja sagt: Die Geschichte muss aufhören. –

Plötzlich klemmen die Fensterscharniere und man denkt , jetzt kann man nur noch aus dem Zimmer, der Küche, schnell aufspringen vom Tisch, vom aufgedeckten Tisch der Verhängnisse mit der Wachstuchdecke, die sich im Hosenfalz verhakt hat, sehr schnell also aufspringen, ohne im Vorfeld daran zu denken, dass man jetzt dadurch alles umwirft, was auf dem Tisch steht. Hauptsache sich selbst retten vor dem Gift. Und vor dem Virus. Aber die Erdbeeren sind doch rot – die grünen kleinen Buchtpunkte, die Härchen, und die Schlagsahne. So viel Poesie geht gerade noch. Aber es sieht nur so danach aus. Die Situation stimmt nicht. Es erbricht immer jemand in der Küche, denn sie ist ungemütlich, es gibt zu wenig Kocherfahrung und zu viel bestelltes Essen und Plastikgabeln, Tüten, und weiße Schachteln aus Styropor. Der Abstand zur Situation gelingt nicht. An der Maske, die unterm Kinn klebt und eine Spannung hinter den Ohren verursacht, sieht man rot. Das kommt davon, wenn man Erdbeeren während einer Pandemie isst, um so zu tun als wäre nichts, vielleicht sogar trällert, sich dabei mit Gleichblutigen versteckt und aus dem Händewaschen fast nicht mehr herauskommt. Die Fenster muss jemand schnell zumachen, zur Not mit klatschnassen Händen, aus Angst vor dem Gift, das durch den Wind und die Luft übertragen wird. Wie das Virus, das dazu kommt.

Es gibt Situationen, von denen man gefangen genommen wird, wie in Trance, eine Art gepresster Schwerelosigkeit, dabei gleichzeitig mit allen Konsequenzen der Gravitation, vor allem im Gemüt. Kann man sich da nur noch Poesie wünschen, etwas, das sich reimt, weil blind geworden vor Wissenschaft und Logik, eine poetische Sehnsucht in einem pocht, wie mit einer Faust, die der Seele in die Fresse haut. Weil man sich einen Reim auf alles machen will. Nach Leben giert, das nach nichts stinkt, in dem man keine Kompromisse findet, in dem man sich vor nichts fürchtet, weder vor Gift im Essen, beim Essen oder durch das Essen und keine Tiere mehr essen will. Sterben kann. Und das Klima wird nächsten Mittwoch von der katholischen Kirche Heiliggesprochen. Endlich.

Und dann fällt man dann gern auf das rein, auf das Poetische, das einen aus dem Wachstuchverhängnis herausholt, aus dem Tapetenmuster der Wand kratzt, in dessen Schnörkeleien die Augen so gerne spazieren gehen, um sich zu entspannen. Man wird aufs Kreuz gelegt von der Poesie, von Schörkeln, aber auch immer von der Natur. Aber man wird wenigstens endlich mal weich dabei, wenn man eine Katze streichelt, die so vom Fell her, weil sie es eben hat, um so vieles weicher ist, wie wir.

Und dabei denkt man nicht mehr viel, vielleicht das. Eines Tags sterbe ich. Aber noch einmal etwas Aufgedecktes, schnell Gekochtes verdauen zu müssen. Nein. Man versucht die Plastikgabeln vor dem lieben Gott zu verstecken. Aller Logik zum trotz: Es klappt. Man hockt zuhause in der Pandemie, die Tapeten sind übertüncht von ruhigen Sprüchen, das Denken ist flüchtig geworden, wie eine Maus. Die Fenster sind repariert und der Unfall, die Evolution, was auch immer hat schon stattgefunden.

Alles geht seinen Gang. Das ist Natur. Was für ein Glück.

Sandra Fritz (2019/2021)

Die Kiste

Die Kiste war schlicht, aus Holz, zirka sechzig Zentimeter lang, vierzig Zentimeter breit und vielleicht beinahe dreißig Zentimeter tief. Vor allem deshalb ist mir diese Kiste so in meiner Erinnerung geblieben, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, was ihr eigentlicher Inhalt war.

Die Kiste, die bei dem Fest, von dem ich gleich berichte, überreicht wurde, besaß durchaus Präsenz. Ihr Gewicht aber war schwer abzuschätzen. Drei Kilo oder vielleicht auch acht? – Was bloß war im dunkeln der Holzkiste aufbewahrt?

Sie klemmte zwischen Oberarm und Rumpf des katholischen Pfarrers. Fast bis zum Schluss klemmte sie dort und es sah beinahe so aus, als wäre diese Kiste mit dem Oberkörper des Pfarrers verwachsen. Es schien, als könne diese Holzkiste keinen Millimeter aus der Umklammerung verrutschen. Bis auf ein einziges Mal, als der Pfarrer die Seiten tauschte. Die Kiste war dunkelbraun.

Auf dem Kirchplatz der Festtagskirche standen Bierbänke, Tische mit Tischdecken und blaue Sitzkissen auf den Bänken, weiß-gelb gestreifte Schirme zum Schutz und eine kleine aufgebaute Bühne versprach Programm. Es duftete nach Bratwurst, Pommes und nach Wurstsalat mit Zwiebeln.

Wie verabredet erschien von der Hauptstraße herkommend die kirchliche Konkurrenz. Der katholische Pfarrer tauchte zusammen mit seinem Kirchengeläut auf, das, obwohl der Glockenturm rund vierhundert Meter Luftlinie entfernt stand, hier noch überlaut zu hören war. Gedong-Bong-Dong-dong-donggg. Katholische Glocken, ehrfürchtig, eindringlich und schwer. Unter seinem Arm trug er die braune Kiste. Sein Mitbringsel zum Fest.

Es versammelten sich eine überschaubare Anzahl von Menschen auf dem Vorplatz der Kirche. Nur ein wenig später ertönte dann auch das Kirchengeläut der Geburtstagskirche. Unspektakulär mischte sich helles und freundliches, dafür aber echoarmes Geläut in das Gemurmel der Gäste. Inzwischen waren auch der Bürgermeister, Geschäftsleute und andere wichtige Vereinsvorstände eingetroffen und man hörte ein paar Takte der Jazzband. Auf der Bühne sammelten sich die Vortragsredner und auch Frauen standen dabei auf der Bühne, auffallend festlich gekleidet.

Die Sonne meinte es an diesem Tag mit allen Anwesenden gut. Der katholische Pfarrer Grube trug seine Holzkiste bei sich. Ich war etwas verwundert. Anfangs identifizierte ich nämlich die Kistenfarbe als eher braun, so erschien sie mir jetzt nur sehr sehr dunkel, ich vermutete, dass sie in Wahrheit schlicht und banal schwarz angemalt war, darunter war sie vermutlich einmal braun gewesen, wie gewöhnliches Holz. Bereits einige Minuten zuvor, im aufdringlichen Kirchengeläut der katholischen Glocken, dachte ich, diese Kiste ist mit einem sehr stumpfen Pinselstrich einfach schwarz angemalt worden, vielleicht sogar noch am Abend zuvor, so auf die Schnelle, weil die Kiste einige Macken hatte, die man auf diese Weise kaschieren wollte.

Pfarrer Grube wollte also diese angemalte Kiste dem Pfarrer Helmschmid als Jubiläumsgeschenk überreichen. Er ging mit starkem Schritt an den Schirmen und Bänken vorbei und betrat die Holzbühne, die unter seinen Schritten knarzende Geräusche von sich gab. Zuerst stand er links dann ein wenig hinter Helmschmid, denn ihm wurde ein Geschenk des 2. Bürgermeisters der Kreisstadt überreicht. Die Band spielte chilligen Sonntags-Matinee-Jazz.

Ich bin ein katholischer Bad-Boy und habe einen Bad-Boy Haarschnitt – ich sah deutlich, wie eine Comic-Sprechblase über dem Kopf des Pfarrers in den wolkenlosen Himmel emporstieg. Dabei schaute der Pfarrer in meine Richtung. Er presste die Kiste unnatürlich eng an seinen Körper, als hinge sein Leben daran. Kurz darauf, völlig unvermittelt wurde ich von jemandem angerempelt, dabei landeten Weinspritzer auf meiner Bluse. Schnell hatte sich der Anrempler in die vorderste Reihe in ein Gespräch eingeklinkt, drehte sich noch einmal schuldbewusst zu mir und gestikulierte mit einem Achselzucken und einem freundlichen Lächeln eine Entschuldigung zu mir. Die Konturen der Sprechblase über des Pfarrers Kopf lösten sich im Blau des Himmels auf. Hatte ich also doch Halluzinationen?

Die Redner und Rednerinnen wechselten sich ab, die Chronik der 50 Jahre evangelische Kirche wurde skizziert, Anekdoten rezitiert und dabei nahm ich jetzt erst die ungewöhnliche Frisur des katholischen Amtsträgers zur Kenntnis. An den beiden Seiten waren seine blonden Haare abrasiert und auf der Kopfmitte trug er die Haare ein wenig länger, und er hatte sie zum Stehen gegeelt. Ja. Eindeutig. Das war ein Bad-Boy-Haarschnitt.

Vielleicht, dachte ich, ist mir jetzt etwas Abwegiges, etwas, zugegeben, sexuell Abwegiges in meinen Kopf gestiegen? Ein Vorurteil wahrscheinlich. Aber das passiert immer schnell im Zusammenhang mit Katholiken. In meinen Gedanken spielten mehrere dunkelfarbige und verschlossene Kisten, das Mittelalter, die Inquisition, das Blut Christi und freche katholische Comic-Sprechblasen in hölzernen Beichtstühlen eine Rolle.

Vielleicht, dachte ich aber auch, war diese Frisur nur ein Frisör-Unfall. Pfarrer Grube trug entsprechende Pfarrers-Kleidung, das Kollar blitzte hell weiß an seinem Hals. Die Frisur, sie passte einfach nicht. Ok. Aber was bitte, war in der Kiste, die er immer so fest umklammert hielt – an seinem Handrücken quollen die lividen Adern dick und prall hervor.

Helmschmid, der protestantische Pfarrer sprach entspannt am Mikrofon. Er war begnadeter Saxophon-Spieler und überraschte die Anwesenden mit seinem Versprechen, später die Band zu begleiten. Er wolle Charlie Parker-Stücke spielen. Dazu schickte er immer wieder herzliche Worte des Dankes in das Mikrofon. Grube wechselte dann die Körperseite, in die er die Kiste klemmen konnte. Er wirkte gestresst. War also doch etwas schweres in der Kiste? Da war die Kiste auch nicht mehr braun, nicht mehr schwarz. Die Kiste wirkte ab da plump, schwer wie ein Stein, sogar gefährlich wie ein Klotz.

Hoffentlich, dachte ich, ist diese Kiste in Wahrheit auch wirklich kein Hohlkörper. Denn man weiß nicht, niemand weiß es, was Katholiken in Kisten aufbewahren und vielleicht – man hat keine Kenntnis davon, hatte Pfarrer Grube an diesem Morgen nicht mehr gewusst, welche von den vielen braunen, schwarzen, honigbraun gemaserten und kirschholz farbenen Kisten, die unterschiedlicher nicht sein können, in Größe, Länge und Breite – (aber handlich sind alle diese Kisten immer) – welche er also genau mitnehmen sollte.

Alle sind ähnlich groß, und es gibt tatsächlich viele Kisten im Pfarramt, im Büro, aber auch im Keller, im Archiv und alle sind sie aus aus Holz, braun, hohl, gut verschließbar, und es sind auch viele Kisten verteilt in den weitläufigen Keller-Abteilen, dort in den Regalen, sogar in Truhen unter den Regalen und vielleicht hatte die Pfarramtssekretärin nicht aufgepasst und eine Kiste von ganz unten mit der von der ersten Reihe links hinten, also im Kellerregal, vier Etagen tiefer Keller, also von dort die Falsche aus dem falschen Regal nach oben geholt? Und Grube hatte Macken entdeckt, spät nachts dann doch noch die Kiste mit schwarzer Farbe bemalt. Und vielleicht, ja ich weiß, das ist absurd, hat er das Lied „Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“ umgedichtet als er den Pinsel in die schwarze Farbe tunkte und etwas ganz neues Gereimtes dazu gesungen, vielleicht ein geheimes Lied auf seine Frisur.

Das wäre ja alles durchaus möglich. Was jetzt passieren könnte, wenn Helmschmid an diesem Jubiläumstag eine falsche Kiste öffnen würde. Und es käme etwas heraus, vielleicht sehr langsam, kriechend. Es würde sich aufrollen und sich hier und heute entfalten. Oder herausstürzen. Vielleicht würde auch etwas heraus stinken, man würde zunächst nichts sehen, aber trotzdem käme ein furchterregender Gestank, ein Gestank aus einer Kiste, der nur herauskommen könnte, wenn diese Kiste plötzlich herunterfallen würde und es im Übrigen die falsche Kiste wäre, die Verwechselte.

Nicht daran zu denken, was eigentlich so einen Gestank verursacht, wenn es dann plötzlich nicht mehr nach Bratwurst riecht, sondern eben nur abartig stinkt und was Grube für ein Gesicht dazu macht. Ob die Band schlagartig aufhören würde zu spielen? Und was das Publikum macht, ob halb gegessene Bratwürste auf den Boden fielen, vor Schreck der Wurstsalat, die Gabeln hinterher. Ob überhaupt jemand in der Lage wäre, in diese Entsetzlichkeit hinein zu sprechen? Ob mehrere Menschen Gläser zu Boden fallen ließen, ob jemand wagen könnte, mutig den Mund zu öffnen, um passende Worte zu formen, vielleicht sogar zu schreien, anstatt nur genussvoll und arglos Stücke von der eigene Bratwurst abzubeißen.

Es wäre in mehrfacher Weise furchtbar. Wegen des Gestanks und wegen dieser Stille. Denn wenn z. B. etwas Fürchterliches aus der Kiste nicht nur ekelerregend stinkt, wenn es dazu auch noch Gewicht hat und mit einem dumpfen Geräusch auf der Jubiläums-Bühne landet, dazu die unglückliche schwarze Kiste hinterher. Mit so einem bekannten lauten und dumpfen Holzsturzgeräusch dem ertappten katholischen Priester aus der Umklammerung fällt.

Ich holte mir jetzt Wein. Dann beobachtete ich Pfarrer Helmschmid: Seine durch und durch vollkommene Gesten, seine Körperbewegungen, ein ganzes Repertoire von Bewegungsabläufen eines normalerweise in einer Prärie dahin reitendem, und später, wenn dieser Cowboy sein Pferd vor dem Saloon abstellt bot sich meinen Augen. Diese beinahe schon laszive Lässigkeit – Ja. Jedenfalls, wie Pfarrer Helmschmid, dieses Kistengeschenk von Grube entgegen genommen hatte. Er lächelte sehr breit, umfasste und schüttelte die Hände des Katholiken mehrere Minuten wie mir schien. Ich sah, wie er aufreizend Kaugummi kaute. Er dankte Grube überschwänglich und schüttelte und schüttelte diese Katholikenhände immer wieder aufs neue, als wolle er etwas Festgestecktes aus dem Kollegen herausschütteln. Dieses Auf und Ab, Grube konnte nichts machen, das Schütteln erfasste seinen Körper. Er wackelte, ich konnte es ganz genau sehen. Die Holzkiste hatte Helmschmid gleich nach der Übergabe auf dem Bühnenboden abgestellt.

Bad-Boy-Pfarrer Grube hatte sich dann schnell von allen verabschiedet, ich sah im noch eine Weile hinterher. Er verschwand hinter der Linksbiegung der Hauptstraße. Er ging den Kirchenglocken und seinen geheimen Reimen entgegen, da war ich mir nicht ganz, aber ziemlich sicher.

Sandra Fritz 2021

Die Schlägerei in der Küche

1

Oskar schlich sich an diesem Montagmorgen besonders vorsichtig aus dem Schlafzimmer in den Gang. Er wollte niemanden wecken. In der Nacht hatte er geträumt. Das stellte er halbwach fest, denn sein rechter Arm hatte zu ihm gesprochen.  Aus den Fingern hatten zornige Worte geschrien. 

Es war im Grunde sogar eine  Brennende Rede.  Oskar fühlte sich von dem Traum, dieser  Rede, dem Geschrei erschöpft. Wie erschlagen. Er träumte von einer Art Gehirnwäsche. Schon jetzt hatte er Angst vor den Folgen.

Erst vor einer Woche hatte er  in einer medizinisch inspirierten Boulevard-Zeitschrift einen Artikel überflogen, er hatte sich gemerkt, dass es nahezu nichts fragileres am Menschen gibt, als der Kopf und dessen Inhalt.
Der Schlaf, der Traum, beides hatten ihn vollkommen im Griff. Es tauchte kurz die zerfledderte Titelseite dieser Zeitschrift auf, die Papierfetzen  schwebten über ihm  und drohten ihn zu erschlagen. Aber sein Arm wurde immer wieder der ganzen Länge nach oben gestreckt, die Stimmen aus den einzelnen Fingern  immer lauter, zorniger. Sogar die Original-Stimme des bereits längst schon vollkommen toten Führers schrie aus seinem Arm heraus, schrie Oskar ins Gesicht. 

Er befand sich in einem großen Raum. Eine übergroße und breite Edelstahlschiebetür spiegelte kaltes Neonlicht. Neben ihm technische Apparate, die Pieptöne von sich gaben, blaue und gelbe Schläuche, die sich meterweit zu Steckdosen schlängelten.  Er war im Schockraum und er war nicht allein. Um ihn herum lagen noch zusätzlich Menschen auf schmalen Operationsliegen, andere saßen in pastellblauen Kunstledersesseln. An allen wurden ausnahmslos Armoperationen, insbesondere Längsstreckungen nach vorne, sowie Verlängerungen mittels Einsätzen aus fleischfarbenem Silikon  – ohne aufwändige Narkose – aber unter Einsatz von Propofol flink durchgeführt. Immer wieder sank er in Ohnmacht, aber in  den kurzen Momenten, in denen er seine Augenlider öffnete zählte er die herumwuselnden Mediziner und sank bei der Zahl zwanzig wieder in den schweren Schlaf der Schmerzbetäubung, die bei ihm nicht die gewünschte Wirkung brachte. Er spürte alles, er konnte sich in seinem einbetonierten Körper aber nicht regen.              

Es war sehr laut. Das unterdrückte Wimmern hörte er überlaut sogar, dazu kamen die appellativen Anweisungen der Operateure. Er sah Wortfetzen, die seine Gehörgänge verstopften. Gleißend hell war der Schockraum und  überheizt.

Dennoch streckten sich die manipulierten Gliedmaße unmissverständlich zum Gruß nach vorne, ununterbrochen hoben und senkten sie sich. Es sah aus, als hockten Roboter aus Menschenfleisch in den Sesseln, als schliefen Robotermenschen auf den Liegen. Nur die Arme agierten nach einer rechtsradikalen Choreografie. Bis Oskar seinen Arm bemerkte. Er tat dasselbe.  Sie wollen Dir einen Flüchtlingsstrom durch dein Gehirn hindurchjagen, dachte Oskar als sich ihm vollständig in blau eingekleidete Menschen näherten. Man würde ihm seinen Kopf zuerst einmal ordentlich vereisen, so, wie man das eben mache. Das Einzige, was er spüren würde: Kälte, vielleicht Eiseskälte. Mehr nicht. Das würde er auch in der Herzgegend spüren. Vielleicht als Stechen, als einen Stich – wegen des Vagus Reizes, das wäre normal. Es hätte geringfügig Einfluss auf das EKG.   – Aber den Flüchtlingsstrom, den hätte er dann immer in sich.  – Jetzt hatte doch einer der Operateure direkt zu ihm gesprochen.

Der sehr lang in seinem Traum nach oben ausgestreckte Arm winkte sogar, als schien er sich über diese ganz offensichtlichen rechtsradikalen Interventionen zu freuen. Oskar hörte, wie seine Hand Freudiges ausrief  und insgesamt waren die Bewegungen ähnlich wie bei Hunden das Schwanzwedeln.  Oskar spürte sein Herz, wie es  laut pochte und Drehschwindel im Kopf vom Flüchtlingsstrom, und wie sich in seinem Mund wässriger Speichel ansammelte, kurz vor dem Erbrechen. Oskar wusste doch alles, denn er hatte einige Vorlesungen „Jüngere Medizingeschichte“ besucht.  

Schnell sprang er von der Liege, rempelte einiger der medizinischen Akteure, rannte aus dem Schlaf um sein Leben. Aber vor allem wachte er endlich auf, weil das Gewicht der Bettdecke, die über dem rechten Arm baumelte so schwer wurde, und ihm sein Arm  der Länge nach weh tat. Ihm war schlecht. Er stand auf,  fasste sich an den Kopf, seine Haare waren klatschnass. Er schaute neben das Bett und vorsichtshalber auch unter dem Bett. Niemand da. Bis auf das. Dort lag ein ausgerissener, ganz offensichtlich rechtsradikal bekleideter Arm mitsamt Hand und Fingern.  

Am Freitagnacht war überraschenderweise der Besuch gekommen. Und seit Sonntag 16 Uhr fuhren keinerlei Züge mehr. Es wurde behauptet, dass Signalstörungen sowie Aufräumarbeiten an den Gleisen die Gründe dafür sind. Schon am Nachmittag stürmte und regnete es in Strömen.
Umgeknickte Bäume,  „wie Streichhölzer“ – so berichteten die Online-Medien und  im Fernsehen liefen schnell schnittige Filmclips, die das Ausmaß einer Naturkatastrophe zeigten, dabei durch Werbung verwaschen. Es wurde wieder vom Flüchtlingsstrom berichtet, der immer noch seit 2015 eine Schneise der Verwüstung durch das weite Meer zieht. – Oskar schaute gerade die Nachrichten, als es an der Tür klingelte. Seine   Verwandten waren gekommen.  Sie glaubten nicht an irgendwelche Signalstörungen – Sie meinten, es läge an politischen Unruhen, wegen den Flüchtlingen.

„Welche politischen Unruhen?“ fragte Oskar nach dem Frühstück.

 „Ihr hattet doch schon bei der Herfahrt Unwetter!“ legte er nach und schraubte das Marmeladenglas zu. Oskar war sich unsicher.

Er schaute aus dem Fenster. Sah nur dunkles, viel grau, er sah Regen. Aber nur, weil er genau auf die Straße schaute. Aber Regenströme waren das nicht.

  „So ein Schwachsinn“ sagte Thorsten.

„Ihr spürt nicht, dass etwas passiert, dass es nicht gibt!“ sagte er und stand auf.

Oskar war immer noch in das Nachbetrachten des Regens vertieft, sah sich dabei am Tisch um, zählte die Anwesenden und war froh, dass auch Thorsten, sein Cousin da war.

Bis tief in die verregnete und stürmische Nacht hatten sie spekuliert, was politische Unruhen sein könnten und was denn nun Flüchtlingsströme genau sind und was man überhaupt tun könne, wenn z. B. der Strom ausfällt, oder wenn es tatsächlich dazu käme, dass plötzlich nichts mehr da wäre vom Frieden außer Handgemenge beim Einkaufen oder gar beim Bargeld abheben – Ob man das tatsächlich den Flüchtlingen unterschieben könnte?

 Sie bauten sich Schlaflager. Im Wohnzimmer wurden Sessel umgestellt, Tische verrückt, kleinere Anrichten verschoben. Alle waren beschäftigt, holten Bettdecken, Überzüge, klopften Kissen und schüttelten Decken zurecht. Sie redeten kaum noch dabei. Es herrschte ein gedrückte Stimmung, als es gegen 3 Uhr morgens in der Wohnung von Oskar still wurde und alle schliefen.   

3

Und so wollte Oskar morgens im Gang wirklich niemanden wecken, er bewegte sich präzise, dabei leise, denn er wollte noch niemanden sehen und etwas sagen müssen.
Zudem, was er gerade unterm seinem Bett entdeckt hatte und was er noch vage aus seinem Traum erinnerte. Er wollte schnell etwas Kaltes trinken, schlich zur Küchentür. Aber bereits beim Öffnen der Tür war er da. Der rechtsradikale Arm, was Oskar für einen kurzen Moment nur für ein Flash-Back hielt. Wie ein abgeschossener Pfeil flog der Arm zielgerichtet und schlug ihm mit aller Wucht des 3. Reiches ins Gesicht. Oskar konnte am Türrahmen Halt finden, spürte, dass im warmes Blut aus der Nase tropfte.

Er riss beide Arme vor sein Gesicht, weil der körperlose, ausgerissene Arm aufs Neue auf ihn zuschoss und er sein Gesicht dieses Mal schützen wollte. Wie ein wildes, riesiges Fluginsekt schoss der Arm mit ausgesteckter Hand hin und her, pausierte nur immer kurz, einmal auf dem Herd, einmal auf dem Schrank, einmal auf dem Fenstersims, und einmal auf dem Fliesenboden,  einmal auf dem Tisch. Dazwischen aber traf die Hand zur Faust geballt immer Oskar mitten ins Gesicht.  Eine gebrochene Nase. Ein Zahn klebte am Oberteil von Oskar, Blut quoll aus seinem Kinn.

Oskar schaffte es zur Spüle, hielt sich am Beckenrand fest. Er hatte viel eingesteckt. Der Arm lag ausgestreckt auf dem Küchentisch neben dem großen Holzbrett, daneben das Messer. Blitzartig warf sich Oskar auf den Tisch und begrub den Arm unter seinem Gewicht. Der eklige Arm zappelte, die einzelnen Finger versuchten sich in seinen Bauch zu bohren. Oskar griff nach dem Messer. Die Spitze des Messer stieß er mit voller Kraft in den Unterarm und fixierte ihn auf dem Küchentisch.

Fern vom Gang her rief seine Tante. Oskar packte den Arm schnell, er hing schlaff am Messer und stopfte ihn in die Gefriertruhe. Kaum hatte er den Deckel geschlossen näherte sich seine Tante der Tür. Ihr Gewicht in Socken auf Laminat – Oskar konnte es fast körperlich spüren. 

„Im Bad gibt es kein Warmwasser!“ rief sie.

Das ist kein Problem dachte Oskar, griff in die Schublade, holte ein Taschentuch und wischte sich das Blut aus dem Gesicht, zündete eine Zigarette an.  Hastig und nervös bewegte sich der Qualm in der Küche.  Gedämpftes, leises Pochen und kaum hörbare Kratzgeräusche drangen aus der Gefriertruhe wie Kriechkälte.

Er konnte nur drei Züge nehmen, seine Tante verlangte das zweite Mal nach warmem Wasser, sie kam aus der Toilette. Plötzliche war da eine anzügliche Stille in der Küche, der Zigarettenqualm blieb stehen. Oskar glaubte, jemanden atmen zu hören.  Er flüchtete in den Gang, der Flurboden knarzte laut.  – Laminat? Fragte sich Oskar unsicher.  Obwohl er müde war, erschöpft und zusammengeschlagen schien sein Gesicht zu lächeln. 

Draußen stürmte es wieder. 

Sandra Fritz

Die Kochwäsche

Der Wäschekorb war sehr beladen, als Eva mit ihm in das Treppenhaus ging, um nach unten zur Waschmaschine zu gehen. Der Lichtschalter war defekt, nur vom unteren Stockwerk fiel schummriges Licht auf die Treppe.

Sie zog die Wohnungstüre zu, klemmte den Wäschekorb fest zwischen Hüfte und Unterarm und stieg langsam die Treppen nach unten in den Keller. Sie hatte wenig an, war schon in Nachthemd und Wollsocken, leichte luftige Hausschuhe an den Füßen, die Haare locker zusammen gebunden.

Niemand im Treppenhaus, niemand zu hören.

In der Waschküche roch es frisch und warm. Sie kniete sich vor ihre Maschine und öffnete die runde Tür der Maschine, im selben Moment kroch ein Zungenkuss aus der Maschine an ihren Oberschenkeln entlang und sagte zur ihr komm doch zu mir in diese Maschine, ich bin schon so lange allein.
Eva war teils erschrocken, teils aber sofort erfasst von diesem feucht-warmen Zungenkuss, der sich seinen Weg bahnte und inzwischen an ihren Lippen vorbei mitten in der Waschküche vor ihr stand. Er war sehr groß und glitschig, er roch nach Tiefsee, zugegeben nur ganz leicht nach menschlichem Speichel, er machte einen fließenden, sehr bewegenden Eindruck auf Eva und, er war ausgesprochen höflich, im Grunde.

Eva fragte den Zungenkuss, woher er denn so plötzlich käme, und was er denn nun vorhabe. Sie sagte ihm auch, dass sie die Wäsche zum Waschen in die Maschine tun wolle, sie brauche frische Wäsche.
Ja, sagte der Zungenkuss, legte sich auf ihre rechte Wange und hinterließ eine feuchte Spur und eine nur von Zungen machende Bewegung.
Mach es, sagte er leise und fast hatte Eva das Gefühl, dass dieser Zungenkuss ernste Absichten mit ihr habe.

Vielleicht kann ich mit diesem Zungenkuss aus meiner Waschmaschine ein glückliches Leben bis zu meinem Lebensende führen?

Du kannst mit mir über alles sprechen, sagte der Zungenkuss und ich will dir sagen, dass ich deine Gedanken kenne. Denn nun, da ich in Deiner Waschmaschine wohne und ich schon so lange in Deiner Kleidung liege und so frisch gewaschen bin, was kannst Du gegen mich haben? Fragte der Zungenkuss mit Furcht in der Stimme.

Eva packte die Wäsche in die Maschine und stellte das Programm ein, sie wollte 60 Grad waschen, entschied sich aber doch für Kochwäsche.
Ist ja fast nur weiße Wäsche sagte der Zungenkuss. Bei Sprechen klang es ein wenig wie Blubbern und fast sah es auch so aus, als bildeten sich um den Zungenkuss herum kleine winzige Luftblasen, wie unter Wasser.

Der Zungenkuss wartete geduldig im Raum. Eva stand vor ihm und zog ihn zu sich, und dann küsste sie den Zungenkuss. So etwas hatte sie niemals zuvor erlebt. Während sie vollkommen innig den Zungenkuss küsste, dabei ihre Haare aufgingen und ihre Wollsocken, auch das Nachthemd auf dem Boden lagen und die Waschmaschine sich drehte mit der Kochwäsche im Kreis , da war Eva klar, dass sie nie wieder ohne Zungenkuss würde leben wollen. Nur ab und zu wurden die Geräusche, die der Zungenkuss und Eva machten durch die unterschiedlichen Programmpunkte des Waschprogramms unterbrochen. Der Klangteppich war lustbetont, tief klingend. Fisches Wasser bekam die Wäsche und der Zungenkuss bekam gefühlvolle Küsse von Eva. Die Kochwäsche dauerte zwei Stunden und es war sehr warm in der Waschküche geworden.  – Im Treppenhaus brannte kein Licht mehr.

Sandra Fritz